Interview: Joanna Gemma Auguri

Photo: Andrea Wolf
Artwork: Manekineko

Es ist ein „langes und seltsames Jahr“ erzählt Joanna Gemma Auguri. Doch es ist auch das Jahr, in dem sie ihr Soloalbum mit dem Titel „11“ veröffentlicht hat. Auf über einer Dreiviertelstunde präsentiert die in Berlin wohnhafte Künstlerin elf Titel voller Sehnsucht, Gefühle, und angenehm-düsterer Harmonie.

„Es ist eine sehr interessante Zeit, die wir gerade erleben, weil es sich anfühlt, als würde sich gerade alles neu formieren“

Es ist, als ob sich weltweit, in der Politik mit all ihren Facetten, als auch in der menschlichen Interaktion, sowie in den kulturellen Spektren eine Vielzahl neuer Bewegungen formiert, die nach Umbruch und Fortschritt drängen. In dieser spannenden Ära, in der Entwicklung und Krisen gleichermaßen allgegenwärtig sind, erschien also das Soloalbum „11“. Die Aussprache des Titels ist unabhängig von sprachlichen Modellen und kann folglich in der Sprache der Rezipient*innen produziert werden; ob also „elf“, „eleven“, „on iki“, „onze“, „אחת עשרה“, oder jede andere Version ist korrekt. Auch abseits der Tätigkeit als selbstständige Künstlerin betätigt sich Joanna Gemma Auguri musikalisch in Projekten oder Kollaborationen, und es wird voraussichtlich schon im kommenden Kalenderjahr Neues zu hören geben. Zuletzt war sie auch als Teil der Band Poems for Laila aktiv. Mit dem Einstieg im Jahr 2016 ergab sich auch, dass die im selben Jahr erschienene Solo-EP „Green Water“ bis zum Jahr 2021 ohne Nachfolge blieb.

„Das Wesentliche an „11“ ist, dass es total unverschönt, direkt, und sehr ehrlich ist“

Das neue Album wurde analog aufgenommen und es wurde „nichts rausgeschnitten, was heißt, alle Atmer, alle Schmatzer, alle schiefen Töne oder Dissonanzen wurden drin gelassen“. Dieser Prozess in der Produktion war Joanna Gemma Auguri sehr wichtig, um das Album wirklich genau als das zu präsentieren, was es ist. Somit gibt das Album eben auch genau das wieder, was die Künstlerin auf der Bühne präsentiert. Diese Authentizität zieht sich wie ein roter Faden durch das aktuelle Werk, welches „weniger gefällig ist als die „Green Water“-EP“, wie Joanna Gemma Auguri erklärt. Wo das vorige Release sich noch eine Findungsphase zwischen düsterem Folk und poppigen Elementen durch die saubere Produktion befindet, ist „11“ nun „wahrhaftig“.

„Die Kirchenorgel hat eine wahnsinnig mystische und mächtige Wirkung“

Ihre musikalischen Anfänge und ihre erste Faszination in Begegnung mit der Kraft der Musik verbindet Joanna Gemma Auguri mit dem Klang der Kirchenorgel. Nach eigenen ersten Erfahrungen mit musikalischer Früherziehung erkannte sie Stimme und Gesang als ihr primäres Instrument – zur Begleitung entschied sie sich für das Akkordeon. Die Faszination für das Instrument rührt unter anderem daher, „dass man es direkt am Körper hat und es spürt“, dass man „das Atmen des Instruments“ fühlt, und dass es einen ganz eigenen, nicht immer gänzlich einzuordnenden Klang hat. Die Begeisterung für die Atmosphäre sowie für die Akustik von Kirchen ist dabei aber nicht auf der Strecke geblieben und so berichtet Joanna Gemma Auguri: „Es ist etwas ganz Besonderes, in einer Kirche zu spielen. Ich plane auch im nächsten Sommer [2022], auf einer kleinen Tour, meine Musik in Kirchen zu spielen“.

„Die Elf ist die Zahl der Träumer*innen und Idealist*innen“

Abbildung: https://joannagemmaauguri.bandcamp.com/

Die Bedeutungskraft der titelgebenden Zahl ist vielfältig tiefgreifend. Zwei Zahlen, die jeweils für sich stehen und doch zusammen eine Einheit bilden, stellen eine Kraft dar, die weit über den oberflächlichen ersten Eindruck der beiden Einsen hinausgeht. So war es auch kein Wunder, dass bei Fertigstellung des Albums eben elf Titel darauf landeten (sofern man vom Bonus-Track auf der Vinylversion absieht). Und auch kalendarisch passt der Titel des Albums perfekt, denn der elfte Monat des gregorianischen Kalenders hat ebenjene Stimmung und Atmosphäre inne, die „11“ wiedergibt. In diesem Zusammenspiel aus Dämmerung, Veränderung und dunklen Farben erstreckt sich ein Album, das von Abschied, vom Stellen neuer Weichen, und von Aufbruch handelt. In der uns umgebenden Gesellschaft mit ihren Freiheiten, Ansprüchen, Barrieren und Schlupflöchern ist „11“ für die Künstlerin ein Werk, das sowohl sehr persönlich ist, aber auch für alle Hörenden Raum zur eigenen Interpretation und Inspiration bieten kann: „Alle Lieder auf „11“ setzen sich mit dem Zwiegespräch mit sich selber auseinander. Das Lied ‚Dear, I see you‘ zum Beispiel behandelt ein Zwiegespräch mit einem jüngeren Ich“. Die Stücke sollen also Menschen bewegen, sie mit in eine Stimmung hineinnehmen. Es wird dabei ein Raum geschaffen, in dem Emotionen gelebt werden.
Die Planung für neue Musik ist bereits im vollen Gange, berichtet die Künstlerin, denn Anfang 2022 möchte sie zusammen Boris Wilsdorf an neuen Klangwelten arbeiten. „Meine Vision ist, die Ruhe des letzten Albums mitzunehmen und dann aufzubrechen und wieder lauter werden zu lassen“, lässt Joanna Gemma Auguri wissen.

„Musik ist mein Alltag und mein Beruf“

Authentizität ist das Stichwort, das über die Musik von Joanna Gemma Auguri hinausführt. Und so ergibt es sich, dass Alltag und Leben auf der einen Seite und das künstlerische Schaffen auf der Anderen nicht voneinander getrennt sind. Die Atmosphäre und die Stimmung, welche die Künstlerin auf Bühnen oder Aufnahmen erzeugt, sind keine fiktiven Narrative einer Kunstfigur sondern gehören als fester Bestandteil zu ihrem Leben.

„Du kommst als Musiker*in nicht um Streamingdienste herum“

Zur Darbietung und Präsentation von Kunst gehört bei der Musik immer der Release. Dazu gehört eben auch, mit einem Vertrieb zusammenzuarbeiten. In unserer Zeit ist ein unabdingbarer Teil des Ganzen primär der digitale Release. Für ungesignte Künstler*innen ist die Ausschüttung, die bei Streamingdiensten wie AppleMusic, Spotify und Co. herumkommt marginal, und dennoch berichtet Joanna Gemma Auguri, dass es dieser Zeit von absoluter Wichtigkeit ist, dort mitzumachen: „Es ist wie eine digitale Visitenkarte, weil auch Managements, Booker*innen oder Venues schauen, ob Musiker*innen bei Spotify vertreten sind und wie viele Follower*innen sie dort haben“. Abseits davon besteht für sie aber ein sehr wichtiger Teil des künstlerischen Schaffens daraus, in Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen und Peer Groups, sich selbst eine musikalische Familie oder ein künstlerisches Zuhause zu schaffen. Zu dieser Familie zählen unter anderem Hazel Iris, Sometimes With Others, Dictaphone, oder auch das Label Sargent House. Eine echte Alternative zum Streaming, die sowohl Hörer*innen als auch Musiker*innen zu Gute kommen kann, steht wiederum Bandcamp demgegenüber. Nur „ist diese Plattform leider noch nicht so richtig beim Publikum angekommen“.

In der Schlusssphase des gemütlichen Gesprächs bei Kaffee und Tee im Video-Chat stellte ich noch fest, dass es „faszinierend ist, dass zwei Menschen, die vor der Wende geboren wurde, es problemlos schaffen, eine gendergerechte Sprache aufrechtzuerhalten“. Mit Hinblick auf die inhaltlichen Themen des Albums „11“ wie Veränderung und Aufbruch ist dieses Detail sehr ermutigend. So heißt es, nach vorne zu schauen und den Fortschritt aktiv zu unterstützen. Wenn ihr mehr über Joanna Gemma Auguri und ihre Kunst erfahren möchtet oder euch sogar ihr aktuelles Album kaufen möchtet (was ich sehr empfehlen kann), findet ihr hier die wichtigsten Links:
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Bandcamp

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